Südlengern (Kreis Herford), 15.03.2008

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AWO-Kreiskonferenz fordert Rücknahme von Kürzungen im Jugend und Sozialbereich

„Unser Land ist gekennzeichnet von einer großen sozialen Schieflage“, sagte Norbert Wellmann (Foto links) bei der AWO-Kreiskonferenz in Südlengern. Mit deutlichen Worten bemängelte der Kreisvorsitzende die Lebensbedingungen von Millionen Menschen in Deutschland. „Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer“, so Wellmann, der die Kinderarmut als „Skandal“ geißelte.

Seit 2000 hat die öffentliche Hand die Etats im Jugend- und Sozialbereich immer wieder stark gekürzt. Vor den Konsequenzen haben Fachleute die Politiker gewarnt. Jetzt ist offensichtlich, dass die Kürzungen die Lebenssituation von Kinder, Jugendlichen und Familien zusätzlich verschlechterten. Einstimmig forderten die 77 Teilnehmer der Konferenz die Rücknahme der Kürzungen: „Die Kommunen im Kreis Herford, der Kreis Herford und das Land NRW werden aufgefordert, sämtliche seit dem Jahr 2000 erfolgten Kürzungen im Jugend- und Sozialbereich zurückzunehmen und die Förderung entsprechend der Kostensteigerungen anzupassen. Dieses gilt insbesondere für den Bereich der Familienbildung, der Jugendförderung und der Beratungsstellen.“

Die AWO begründet ihren Antrag wie folgt: Massive Kürzungen im genannten Zeitraum haben zu einer dramatischen Verschlechterung in Bereichen der Erziehung, Jugendförderung und Beratung geführt. Die Wohlfahrtsverbände haben immer wieder vor den Konsequenzen dieser Kürzungen gewarnt und darauf hingewiesen, dass die Folgekosten aus den negativen Konsequenzen um einiges höher sein werden, als die Einsparungen. Genau diese Situation erleben wir in den zurückliegenden Jahren mit zunehmender Stärke. Vernachlässigung von Kindern, auffallend viele Verhaltensauffälligkeit schon bei Grundschülerinnen und Grundschülern, unkontrollierte Aggressionen und Gewaltausbrüche bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind genau die Konsequenzen vor denen gewarnt worden ist. Wenn an dieser Stelle nicht sofort massiv mit pädagogisch und psychologisch qualifizierten Maßnahmen gegengesteuert wird, werden wir möglicherweise in einigen Jahren eine Situation haben, die nicht mehr kontrollierbar sein wird.

In einem zweiten Antrag empfahl die AWO-Kreiskonferenz, die Erziehungskompetenz der Eltern zu stärken. „Wir brauchen ein breites Spektrum an Erziehungshilfen für Eltern“, betonte Geschäftsführer Günter Busse (Foto links). Einstimmig verabschiedeten die Delegierten folgenden Antrag: „ Die Kreiskonferenz fordert die Kommunen des Kreises Herford und den Kreis Herford auf, die Situation von Kindern, Müttern und Vätern zu stärken und präventiv Maßnahmen zur Stärkung der Erziehungskompetenz zu fördern. Dazu sind finanzielle Mittel bereitzustellen und kurzfristig konkrete Planungen einzuleiten. Ein erster Schritt könnte beispielsweise die Ausgabe von Gutscheinen für Erziehungskurse an die Eltern von Neugeborenen sein.“

In der Begründung heißt es: Traditionelle Formen des Zusammenlebens lösen sich zunehmend auf. Unsere gesellschaftlichen Veränderungsprozesse haben vielfältige Formen des Zusammenlebens von Eltern und Kindern zur Folge - von den Alleinerziehenden bis zur Patchworkfamilie. Demografischer Wandel und wachsende Mobilität unterstützen die Tendenz zur Auflösung der klassischen Mehrgenerationenfamilie und gewachsener Nachbarschaften. Bei allen Veränderungen erfüllt die Familie nach wie vor eine entscheidende soziale Funktion in der Erziehung der Kinder und Jugendlichen. Gleichwohl wird Erfahrungswissen heute nicht mehr selbstverständlich von Generation zu Generation oder im eigenen Beziehungssystem weitergegeben - Erziehung wird vor dem Hintergrund zunehmend pluraler Lebensformen nicht einfacher. Wir beobachten, dass Eltern verunsichert sind. Im Sinne der Prävention sind flächendeckende frühe Unterstützungsmaßnahmen wünschenswert, die allen Eltern eine Begleitung anbieten, weit bevor Erziehungsprobleme oder Überforderungssituationen entstehen. Erziehungskompetenz, Respekt und Achtsamkeit gegenüber den Bedürfnissen des Kindes sind nicht angeboren, sie müssen vermittelt werden. Familienbildung und Elternkompetenzkurse können hier eine wichtige Funktion übernehmen, um der Verunsicherung von Eltern entgegen zu wirken, können Eltern stärken, Kinder fördern und dazu beitragen, Familien zu vernetzen.

Ein weiterer Schwerpunkt der Konferenz war ein Fachvortrag des Bundestagsabgeordneten Wolfgang Spanier über die demografische Entwicklung im Kreis Herford. Außerdem wählten turnusgemäß die Delegierten den Kreisvorstand. Foto, erste Reihe von links: Günter Lange (stv. Vors.), Roswitha Sokolowsky (stv. Vors.), Norbert Wellmann (Vorsitzender). Zweite Reihe von links: Karl-Heinz Fistelmann (Beisitzer), Günter Pieper (Beisitzer), Wolfgang Spanier (Beisitzer) und Kreisgeschäftsführer Günter Busse.

 

 

 

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